Die unaufhaltsam dringliche Wichtigkeit einer Kleinigkeit

Der Tatort. Das Fenster ins Ungewisse...
Der Tatort: Das Kinderzimmerfenster

Schon Babys entdecken Kleinigkeiten. Kaum können sie nach den Fusseln auf ihrer Krabbeldecke greifen tun sie es. Dieser kleine Fussel lässt ihnen keine Ruhe bis er weggepflückt ist. Im großen weiten Universum scheint dieser Fussel unbedeutend zu sein – für das Baby nicht. Volle Energie auf den Fussel!

Vielleicht sind es bei größeren Kindern keine Fussel mehr, dafür aber andere Kleinigkeiten, deren gewichtige Bedeutung einem Erwachsenen – oder besser, einer Mutter (oder auch Rabenmutter) oder einem Vater – nicht sofort klar sind. Kennt Ihr das auch? Sind Eure Kinder auch manchmal so versessen auf eine Sache oder ein Ding, und nichts auf dieser Welt scheint das Kind von diesem Ding mehr abbringen zu können? Bis dass der letzte Nerv der Eltern geraubt ist!

Hier kommt eine wahre Geschichte über eine Kleinigkeit, wie sie uns passiert ist…

Unsere Kleinigkeit: ein Zettel. Und damit die Kleinigkeit auch ihre gebührende Form bekommt, wird sie gefeiert als Theaterstück.

Der Zettel
Eine Dramödie in drei Akten

1. Akt
Ein Zettel lag voller Unschuld gar auf einem Fenstersims. Gemeinsam mit einigen anderen unschuldigen Zetteln. Wirklich unschuldig? Nicht ganz. Vollgeschmiert waren sie, einer wie der andere. Vollgeschmiert, bekritzelt und bekringelt von Kinderhand.
Die Nacht zog auf und die Fensterläden mussten geschlossen werden. Ein schicksalhafter Luftzug entführte einen der zig Zettel mit hinaus in die dunkle Nacht. Schwebte hinab auf des Nachbars Garten. Ein Kinderschrei durchschnitt die Ruhe, sodass sich selbst der Mond erschrak. „MEIN ZETTEL!!! MEIN ZETTEL!!! So hol ihn mir! Sofort! Auf der Stell!!!“, gellte das Kind.
Der Vater und die Mutter erstarrten. Was nun tun, um bäldigst Bettesruhe zu haben? Der Vater ging also folgsam vor die Tür, stieg die Treppen hinab und kam nur kurze Zeit schon wieder mit einem Zettel zurück.
„Oh Papa, oh Papa, wie wunderbar! Der allerbeste Papa Du bist!“, säuselte das Kind und liebkoste das Zettelchen mit ein paar krummdummen Strichen darauf. Tatsächlich: die wohlverdiente Ruhe kehrte ein und das Kind ging brav und glücklich zu Bett.

Doch die Mutter blieb skeptisch. Zu schnell war der Vater mit dem Zettel wieder zurück, niemals hatte er bei den Nachbarn geklingelt. So beichtete der Vater der Mutter, gar nicht in Nachbars Garten gewesen zu sein, sondern es nur vorgab, und heimlich einen anderen Zettel als den Verlorenen ausgab. „Das merkt der Sohn doch nie!“
Finstere Wolken zogen auf.

2. Akt
Der Tag verging, der Abend kam. Das Kind musste ins Bett. Die Fensterläden wurden wieder geschlossen. Das Kind ahnte wohl den Verrat des Vaters und lugte hinaus. Da sah es, was es sehen musste. Den Zettel.
„Der ZETTEL! Der ZETTEL! Da liegt der Zettel mein!! Du hast mich angeschwindelt, Oh Vater!“, rief das Kind entsetzt. Doch der Vater log, es müssten wohl zwei Zettel in des Nachbars Garten gelegen haben, und einen hätte er eben übersehen.
„Dann hol ihn! Jetzt!“, befahl das Kind mit nassgeweinten Augen, bangend um des Zettels Leben. „Ich hol ihn aber nicht! Es ist nur ein Zettel, sonst nichts, nur eine Schmiererei!“, entgegnete der Vater barsch, ganz und gar nicht nett. „Ich brauch den Zettel doch! Er ist so wichtig! Der Zettel ist so wichtig!! Du musst ihn holen!“, stieß das Kind hervor, mit roten Augen schon und wahrlich lebensbedrohlichen Gebärden. Die Mutter, entsetzt der drastisch kippenden Stimmung und bangend um der Bettesruhe, ruhig fragend an des Jungen Vernunft: „Mein Junge, was steht denn drauf auf diesem Zettel? Was steht denn drauf, dass er Dir nun so wichtig, ja lebenswichtig scheint?“ Des Kindes Stimme am Ersticken, doch schließlich heult es „Das weiß ich ja nicht! Ich weiß es nicht! Aber ich will es doch wissen! Er ist so wichtig! So wichtig ist dieser Zettel gar!“
Der Vater, einsichtslos, will den Sohn im Bette sehn, auch ohne Zettel. So kommt es wie es kommen muss. Das Kind schluchzt sich ins Bett, das Kissen nass, die Nase trieft. Jedoch die Mutter kommt, hat Mitleid mit dem kleinen Kinde, und es bekommt die Tränen getrocknet.

An Schlaf jedoch ist nicht zu denken. Das Kind mag nicht schlafen, es kann doch nicht! Erst muss es noch die Mutter beschwören und ihr heimlich ins Ohr flüstern: „Oh Mutter, oh liebste aller Mütter, bitte geh diese Nacht in des Nachbars Garten und hol den Zettel! Heimlich, wenn ich schlafen tu! Ich will auch immer brav sein! Immer, ich versprech’s!“ Die Mutter küsst den Jungen und geht selbst zur Ruh.

3. Akt
Der nächste Tag erwacht, das Kind geht in den Kindergarten und weiß nichts von des Mutters Tat. Denn die Mutter tat, was das Kind befahl. Dem Kinde war es doch lebenswichtig und die Mutter liebte das Kind so sehr. Dem Nachbarn anvertraut, geht dieser gemeinsam mit der Mutter in seinen Garten. Alsbald wird das Corpus delicti gefunden und die Mutter bringt es stolz und sicher nach Hause.

„Hier ist Dein Zettel, Kind!“, sagt die Mutter schließlich froh und stolz zum Kinde, als es vom Kindergarten nach Hause kam. „Welcher Zettel?“ fragt das Kind. „Den Zettel, der in des Nachbars Garten lag und Du zum Leben brauchtest!“ „Zeig mal.“ Das Kind beäugt den Zettel. „Nur Schmierereien, sonst nichts?!“ Und so flog der Zettel, der einst so lebenswichtig war und dem Vater und der Mutter allzu viele Nerven raubte, in hohem Bogen durch des Kindes Hände – hinter das Regal. Lebe wohl, oh Zettel!

ENDE

Ich wünsche Euch noch viel Spaß mit Euren unaufhaltsam dringlich wichtigen Kleinigkeiten! 🙂

 

„Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat sehr viel Großes hervorgebracht.“

Georg Christoph Lichtenberg (1742-99), dt. Aphoristiker u. Physiker

 

Da ist er, der Zettel, der uns den letzten Nerv geraubt hat...
Da ist er, der Zettel, der uns den letzten Nerv raubte… (und von der Rabenmutter wieder hinter dem Regal hervorgeholt wurde…)

2 Kommentare


  1. // Antworten

    Absolut spitze! Tränen gelacht!
    Wer muss da ins Londoner Westend fahren um „Harry Potter and the Cursed Child“ zu sehen, wenn es großes Theater doch auch hier gibt?
    Liebe Grüße
    Bruderherz


    1. // Antworten

      Hahaha!? Das freut mich, wenn ich Dich zum Lachen gebracht habe!! ? liebe Grüße, Schwesterherz

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